Die Regenbogenbrücke

Die Regenbogenbrücke

Die Regenbogenbrücke
#Triggerwarnung

7Jahre dauerte es dass ich dies aufschreiben kann.
2 Jahre dauerte es dass ich mich diesem Tag innerlich zuwenden kann.
Das Leben und der Tod meines ältesten Sohnes ist das einschneidendste was mir je widerfahren ist und wird.

Linus Leben begann am 27.11.2010 zuhause. Nach mehr als 30 Stunden Wehen und inneren Kämpfen nah an der Hysterie, sprengte die Hebamme die Fruchtblase und er wurde mit einer Urkraftwelle geboren, die mich halb auseinander riss.
Ich war alleinerziehend und stützte mich dabei auf die Knie einer Doula hinter mir.
Linus trank nicht.
Er ging nicht an meine Brust.
Aber er schrie.
Wie ein Kätzchen Tag und Nacht.
Am dritten Tag fuhren wir in die Klinik und er wurde mir sofort weggenommen und auf die Intensivstation gebracht.
Wir verbrachten einen Monat in der Klinik, davon Weihnachten und Silvester.
Linus trug eine Sonde über die ich ihm Milch fütterte. Als er begann am Fläschchen zu nuckeln dachte ich, alles würde gut werden. Es dauerte lang aus diesem Traum aufzuwachen.
Als wir entlassen wurden, freute ich mich auf ein „normales Leben“, aber normal wurde es nie wieder. Linus war schwer behindert. Er hatte Schmerz- und Schreiphasen die ich ein Jahr lang alleine Tag und Nacht begleitete.
Im Herbst 2011 lernten Jaime und ich uns kennen und er nahm Linus an wie einen eigenen Sohn.
Er pflegte und Liebte ihn wie ein eigenes Kind. Er heilte ihn immer wieder und immer wieder. Bis zum Juni 2012, als sein Mentor, der zu unserer Hochzeit aus Equador kam, ihn dazu anhielt damit aufzuhören. Er sagte, es gäbe Dinge die auch ein Heiler nicht bewerkstelligen könne.
In diesem Monat erlitt Linus einen schweren Oberarmbruch und ich verbrachte hochschwanger mit unserer Tochter Die Tage vor unserer Hochzeit im Krankenhaus.
Wie oft war ich in Sorge um sie, ob sich mein innerer Schmerz auf sie auswirken würde. Aber nein sie war heil und ganz und von Anfang an auf innigste Weise mit Linus verbunden.
2 Wochen nach ihrer Geburt baute Linus drastisch ab. Wir mussten erneut in die Klinik. Er erlitt eine Sepsis und war Kurz davor uns zu verlassen.
Meine Mutter verbrachte 4 Wochen mit ihm im Krankenhaus. Ich pendelte täglich mit Neugeborenem in den Münchner S- und U-Bahnen zwischen Zuhause und Krankenhaus.
Ein Wochenbett hatte ich nicht.

Die Entscheidung oder ein gesandter Engel

Wir kamen ins Gespräch mit den Ärzten und Sozialpädagogen. Ich werde nie vergessen, wie die Worte: es ist nicht mehr zu schaffen! Über unsere Lippen gingen. Es wurde klar, wir mussten mach einer Lösung suchen.
Die Sozialpädagogin fand ein Haus bei Stuttgart mit nur 3 Intensivpflegeplätzen. Als ich das Haus betrat und mir ansah, fand ich eine bunt bemalte kleine Villa vor. Es war Linus Traumvilla für die folgenden 3 Jahre.
Wenige Tage nach meinem Geburtstag zog er im November 2012 aus dem Heim seiner Mama in sein neues Zuhauses.
Es war ein schlimmer, großer Schritt und gleichzeitig ein befreiender – hatten Jaime und ich doch nie Die Möglichkeit gehabt etwas zu unternehmen, begannen wir nun mit unserer kleinen Tochter zu reisen, essen zu gehen, ja Jaime half mir wieder das Leben zu genießen. Aufzuatmen. Loszulassen. Voller Staunen beobachtete ich die Entwicklung meiner gesunden Tochter und
Viele Wochenenden verbrachte ich mit ihr, während Jaime auf Heilreisen war, in Linus Traumvilla.
Er war glücklich dort. Die Schwestern liebten ihn über alles und auch wenn ich stets mit Schuldgefühlen wieder fuhr, wusste ich ihn in den Händen der Engel. Wirklich er wurde dort umsorgt und geliebt wie von Engeln.
Im Jahr 2014 nach diversen schweren Infekten fiel eine weiter schwerwiegende Entscheidung, gemeinsam mit dem Team der Pflege. Wir würden keine lebensverlängernden Maßnahmen in Anspruch nehmen, für den Fall dass …
Dieser Fall klingelte im Mai, nur wenige Monate nach der Geburt unseres zweiten gemeinsamen Kindes am Telefon.
Wir sollten sofort kommen. Linus ging es sehr schlecht.
Ich hatte ihn so oft in schwerst ertragbaren Zuständen gesehe, aber als wir mit Tamia und Yari dort ankamen und ich ihn schwer atmend, total verschleimt mit einer schweren Pneumonie in seinem Bett liegen sah, wusste ich es würde der letzte Besuch sein. Mit seinen 4 Jahren hatte er nie laufen und sprechen gelernt. Aber ich hörte ihn sagen: ich will nicht mehr Mama.
Wir zogen in Linus Traumvilla ein und ich saß nahezu Tag und Nacht mit Stillendem Säugling an der Brust an seinem Bett. Ich sang das Gayatri Mantra und das Asato Ma Mantra auf und ab und öffnete ihm so die Himmelspforten. Es dauerte eine Woche das Loslösen, meins und Seins. und man konnte seine innere Reise aus „Soll ich oder soll ich nicht“ beobachten. Es war wie ein Tanz um das Absolute, das Eine, den Einen. Ein sich annähern und wieder zurückkommen. Noch einmal mehr Mamas Stimme hören, noch einmal mehr die zarte Hand meiner Schwester auf meiner Haut fühlen, bevor es nie wieder spürbar sein würde.
Jaime bildete Heilkreise um ihn herum.
Am Morgen des 6. Mai überkam mich der Lagerkoller. Ich wollte ein bisschen in die Stadt und Vorrat einkaufen. Wir wussten nicht wie lange es noch dauern würde.
Jaime sagte, nimm dir alle Zeit die du brauchst.
Komisch das werde ich nie vergessen… ich kaufte unter anderem 2 Kerzen für den Altar. Jaime hatte seine Mesa dabei.
Mittags kamen wir zurück ins Haus und ruhten uns aus. Als er seine Mesa öffnete und die 2 Kerzen darauf brannten, hatte sich der Babysohn gerade in den Schlaf gestillt, hörte ich schnelle Schritte auf der Treppe. „Frau Caso kommen Sie schnell. “
Und dann wären wir 2 Stunden mit ihm. Yari schlief mit im Zimmer, als hätte er es gewusst, dass Mama und Papa nun alle Kraft für etwas ganz anderes brauchen würden.
Wir salbten seine Füße und seine Hände, seine Stirn mit Rosenöl, öffneten und begleiteten ihn bei seinen letzten schweren Atemzügen, deren Abstände immer länger wurden.
Abwechselnd einer hielt ihn. Einer salbte. Als wir fertig damit waren, nahm ich ihn in meine Arme und sang das Gayatri Mantra. Unzählige Male. Ich sah immer wieder Hilfesuchend zu Jaime. Er sagte: Mache es so, als würdest du ihn schlafen legen: „leg ihn schlafen!“ Und dann sang ich mit all meiner Liebe und schaukelte ihn in den ewigen Schlaf.
Jaime hatte seine Ritualgegenstände, seine Condorfeder und seine Tabakessenz für das „shingando“ alles vorbereitet. Und als mein geliebter Sohn seinen letzten Atemzug tat, schrie Jaime auf. Er schrie aus Schmerz über die Ungerechtigkeit des Lebens und die Gerechtigkeit des Ewigen und er schrie für mich, denn ich saß nur da wie eine Salzsäule. Ich war leer. Erschöpft.
1 weitere Stunde hielt ich ihn. Ich wollte ihn nicht loslassen. Als wir ihn jedoch auf das Bett gebettet hatten und das Zimmer verließen, uns die vielen Krankenschwestern umarmten und ich Yari gestillt hatte, sahen wir auf die Minute genau 2 Stunden nach seiner Todesstunde eine Regenbogenbrücke am Himmel.
Es war nicht verwunderlich für mich. Ich wusste dass das sein Zeichen war: „Mama ich bin angekommen!“

An manchen Tagen sehe ich ihn über die Regenbogenbrücke mit anderen Kindern um die Wette springen.

Seine Liebe und Strahlkraft ist zu spüren.
Ich verneige mich vor seiner wundersamen Seele, die bereit war all diese Schmerzen auf sich zu nehmen und damit so viele Menschen in eine tiefere Ebene der Liebe zu initiieren.

2 Kommentare zu “Die Regenbogenbrücke”

  1. Ich danke Dir von Herzen für diesen Text. Ich musste meinen Sohn Frederik Silvester mit 8 Jahren gehen lassen. Er hatte insgesamt vier Hirntumore, war nach einem Hirninfark mit vier erst schwerbehindert und konnte nichts mehr, auch nicht sprechen, war aber im Kopf intelligent. Er kämpfte sich zurück, doch der Tumor kam immer wieder und er starb zudem an einer nicht heilenden Hirnhautentzündung. Fast vier Jahre Kampf und Komplikationen und ein Leben im absoluten Ausnahmezustand. Lange dachte ich, man müsse nur den richtigen Heiler/die richtige Heilerin finden und dann würde er leben, bis ich verstand, dass ich es nicht in der Hand habe. Daher verstehe ich Eure Ohnmachtsgefühle so gut. Ich vermisse Frederik unendlich und spüre trotzdem genau wie Du, dass er er jetzt gesund ist und endlich spielen und rennen kann. Unsere Kinder sind große alte Seelen, die einen schweren Weg gegangen sind. Es gibt wenig Raum, über so einen Abschied und eine Sterbebegleitung zu sprechen. Auch darüber, wie man mit dem Schmerz weiterleben kann. Danke für Deinen Mut und die Kraft, öffentlich darüber zu schreiben. Mein Sohn sollte übrigens auch zuerst Linus heißen.
    Von Herzen danke.

    1. Wie berührend. Danke dir liebe Stefanie <3 Ja diese Kinder lehren uns Hingabe an das was ist und Loslassen von Vorstellungen / Programmierungen / Erwartungen. Einfach nur Liebe. Liebe immer Liebe. Im Herzen verbunden.

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