Die gebärende Medizinfrau im Kreis der Schwestern

Luna / Jana

Die gebärende Medizinfrau im Kreis der Schwestern

aus den Geschichten der blutenden Frau

 

An einem kalten Wintermorgen saßen Mutter und Tochter, mit vielen der Tanten und Schwestern gemeinsam am Feuer und kochten die Suppe. Schweigend pflückten sie Blatt für Blatt der kostbaren Kräuter ab, mahlten die Gewürze auf Steinen. Aus dem Inneren des Kessels stieg der Geruch einer ganz besonderen Speise und erfüllte das Tipi mit Schutz, Magie, Verbundenheit und Geborgenheit.

Misky Killa und ihre Mutter hatten die Aufgabe im Stamm, andere Frauen mit Speisen zu versorgen. Es waren keine gewöhnlichen Speisen. Aber eigentlich gab es bei ihnen niemals gewöhnliche Speisen. Jede Mahlzeit war heilig. Jede Gabe von Mutter Erde wurde zelebriert und geehrt. Misky Killa lernte viel von ihrer Mutter. Tag für Tag sah sie ihr zu, fragte sich im Inneren, warum dieses und nicht jenes Kraut? Warum heute weniger des so heilsamen Gewürzes? Und warum loderte an manchen Tagen das Feuer sehr hoch und an anderen kochten Suppen nur über einer funkelnden Glut?
Eines der großen Geheimnisse ihrer Zeit war, dass man Lehren nicht mit Worten erhielt. Man empfing sie durch jahrelanges Beiwohnen, Zuschauen, spüren und vielen Wiederholungen. Manchmal fasste Misky Killa allen Mut und platzte doch mit einer Frage heraus. Manchmal konnte sie ihre jugendliche Neugierde einfach nicht zurückhalten. So wäre es auch an diesem Tag nahezu geschehen, sie wollte einfach zu gerne wissen, für welche Frauen des Stammes diese köstliche Suppe war. Sie spürte etwas ganz Besonderes lag in der Luft. Noch bevor Misky Killa ihre Frage stellen konnte, lachte ihre Mutter. „Die Medizinfrau … gebärt ihr erstes Kind. Heute Nacht wird Großmutter Mond voll sein und die Geburtswehen der Frau werden beginnen! Und nun mach eine Pause und spiel mit Deinen Schwestern oder reite dein Pferd.“
Misky Killa bedankte sich und ging hinaus in die Kälte. Ihr Pferd, ja das war eine gute Idee. Sie schwung sich hinauf auf ihre schwarze Gefährtin und ritt weit durch den Schnee und durch die eisige Kälte. Als sie zurück zum Dorf kam, dämmerte es und sie sah Frauen eifrig hin und her laufen. Manche kicherten, andere erzählten und einige wenige schwiegen und waren ganz bei sich. Von einem der Zelte ging ein starkes Strahlen aus und man konnte fast spüren wie die Erde vibrierte an diesem Ort. Misky Killa eilte zum Zelt ihrer Mutter, wo sie vorhin gemeinsam gekocht hatten.
Der Kessel war fort und Mutter hatte eine heilige Feder in den Haaren und trug einen großen ledernen Beutel auf ihrer Schulter. Sie sah ihre Tochter und sagte: „Komm mit. Du wirst heute eine Geburt mit erleben!“
Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in das Zelt mit der starken Ausstrahlung und dem Vibrieren unter der Erde stieg. Sie sah die gebärende Medizinfrau im Kreis vieler Frauen sitzend. Ihre Augen waren geschlossen und sie wirkte wie ein heiliger Gral oder ein Baum, der tief verwurzelt unerschütterlich dem Sturm Stand hielt. Eine heilige Stimmung erfüllte den Kreis, das Feuer brannte schwach, überall hingen Kräuter und in einer Ecke war ein Bereich, ausgestattet mit vielen, weichen Fellen  und Tüchern. Er lud zum Entspannen ein.
Der große runde Bauch der Medizinfrau war so wunderschön, dachte Misky Killa und sie war tief berührt von der Schönheit dieser gebärenden Frau.
Manchmal berührten die Frauen links und rechts von der Gebärenden, ihre Schultern oder strichen ihr sanft durchs Haar oder hielten ihre Hand. Nach einer langen Zeit, begann eine der Frauen im Kreis zu singen. Es waren die allerschönsten Gesänge, es waren universelle Lieder, die die Weisheit der Geburt beschrieben. Die Gebärende und manch andere Frau im Kreis stiegen mit ein und es entstand ein Klangteppich von den unterschiedlichsten Liedern und Tönen, die aus der Erde zum Himmel stiegen und wieder hinab fielen auf den Kreis, wie segensreicher, sanfter Regen. Es war ein feierliches Ritual, welches mit dem Duft von Rauchwerken und Trommelschlägen in ein Herz eindrang, als würde es Türen aufstoßen und Wege bahnen. Wege in die Tiefen einer Seele, die sich entschieden hatte dieses Leben zu diesem Zeitpunkt zu wählen.
Die Gesänge setzten sich fort und selbst Misky Killa fand irgendwann ein zartes Summen und hin und wieder einen tiefen Ton, der auch sie mit der Erde unter ihrem Schoß verband. Sie hatte ihre Augen geschlossen und sah plötzlich ein starkes, kräftiges pulsierendes Rot vor ihren Augen. Sie blickte auf und sah in die Augen ihrer Mutter, die ihr gegenüber saß. Ihr  Blick ruhte sanft auf ihrer Tochter. Oh wie sehr liebte sie diese Augen und wie sehr liebte sie es, dass ihre Mutter meist zuvor wusste, was mit ihr geschah.
Mutter nickte und Misky Killa verstand. Sie durfte jeder Zeit gehen, wenn sie gerne wollte oder es ihr zu viel werden würde.
Die Gebärende hatte mittlerweile den Stand eingenommen und eine Frau hielt ihr Becken, kreiste es und kreiste es. Die Frau mit dem großen runden Bauch hielt sich an einem Tuch fest, was von den Höhen des Zeltes hinunter fiel. Sie fing an zu vibrieren und während ihre Stimme immer lauter und lauter wurde, brach sie plötzlich in ein schallendes Lachen aus. Die Tränen liefen ihr Gesicht hinab und zogen Rinnsäle mit sich, die die roten Bemalungen aus ihrem Gesicht auflösten und mit hin fort trugen, über ihr Herz und ihre vollen Brüste, bis zu ihrem großen runden Bauch, über ihre Beine und Füße und in die Erde unter ihr.
Sie vibrierte und tönte, rief und sang, weinte und lachte, tönte, rief und sang, weinte und lachte … Die Schwestern begleiteten sie in all ihren Gefühlswellen …
Mutter servierte mittlerweile einigen der Frauen ihre Kraftsuppe. In runden Schalen aus Kürbissen tranken die Schwestern die warme Suppe …

Die gebärende Frau war nun umhüllt von Salbeiduft. Ein Copallero ging durch den Kreis. Eine jede beweihräucherte sich und so verschwand auch Misky Killa im Rauch der Pflanzen für einen Moment. Im Inneren dankte sie für ihr Leben, für diese Nacht in der sie einem solch großen Ritual beiwohnen durfte.
Da konnte sie sehen, wie die Frau eine Hand vom Tuch nahm und zwischen ihren Beinen eine Schale mit der Hand formte. Wasser fiel auf die Erde und da konnte man das Köpfchen des Babys erkennen. Mit 3 Wellen von Trommelschlägen, Stöhnen und lauten Rufen der Schwestern im Kreis fiel das Baby in die Hände der Medizinfrau. Ihre Beine zitterten und bebten, ihre langen schwarzen Haaren reichten bis zum Gesäß, als sie ihren Kopf in den Nackten legte und rief: „Ich habe dich geboren. Sei willkommen geliebtes Kind!“ Und sie weinte und weinte, lachte und dann wurde sie still und betrachtete ihr Baby voller Liebe. Sie segnete es über und über – mit ihren Worten und Gedanken, mit ihren Berührungen und Liebkosungen.
Von zwei Frauen gestützt, sank sie auf das wohlig weiche Fellbett, mit ihrem Baby auf der Brust.
Zwei Frauen saßen zu ihren Füßen, zwei Frauen zu ihren Schultern und eine streichelte sanft ihr Haar.

Misky Killa fehlten die Worte. Ein Wunder – war das für sie. Sie weinte ebenso Tränen der Ergriffenheit und der Berührung. Da ertönten nach der Stille die Schreie des Babys und sanfte Trommeln mit noch sanfteren Gesängen erzählten von der Ankunft einer himmlischen Seele auf dieser Erde.
Die Frau fing noch einmal an zu rufen und da gebar sie den Mutter Kuchen, der dann sanft neben sie und dem noch damit verbundenen Kind gelegt wurde.
Es war einfach nur wunderschön zu sehen, wie diese Frauen in den Armen ihrer Stammesschwestern umsorgt und geliebt, berührt und gelobt wurde, für die Geburt ihres ersten Babys.
Misky Killa durfte der Medizinfrau eine Schale mit der nährenden Kraftsuppe reichen. Sie trank diese und seufzte und danach schlief sie mit dem Baby auf ihrer Brust liegend, in den Armen ihrer Schwestern gebettet in einen erholsamen Schlaf.

Mutter und Tochter verließen das Zelt und die große volle Mondin schien hell auf das Dorf. Nie würde Misky Killa diese besondere Nacht vergessen und sie würde nie mehr das Rezept für diese besondere Suppe erfragen müssen. Sie hatte durch Erfahrung gelernt und verinnerlicht.
Hand in Hand gingen Mutter und Tochter zurück zu ihrer Schlafstätte. Bevor die Mondin neue Träume in die Seelen der beiden Frauen webte, fragte Misky Killa ihre Mutter: „Wie konntest du wissen, dass du ausgerechnet heute diese Kraftsuppe kochen würdest und die Medizinfrau ihr Kind bekommen würde?“ Und die Mutter streichelte ihrer Tochter über den Kopf und sagte sanft:
„Wir Frauen spüren so was…!“

 

Copyright Jana Caso Villavicencio am 22.8.2016

4 Kommentare zu “Die gebärende Medizinfrau im Kreis der Schwestern”

  1. Danke für diese kraftvolle Geschichte!!!
    Sie hat mich sehr tief berührt, genau mit dem, was mich gerade beschäftigt!
    Ich würde sie gerne in meiner ganz neuen FB Gruppe ( Urkraft der Weiblichkeit- Geburt) teilen, denn da passt sie perfekt hin!!

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